Stuttgarter Zeitung 9.8.1985

Zwei Genies stehen Modell

Gemeinsamkeiten von Bach und Händel auf der Spur

von Prof. Dr. sc Walther Siegmund-Schultze

 

    Als der Komponist Helmut Timpelan an dieser Stelle zu Bachs Jubiläums-Geburtstag am 21. März seine These vorstellte, derzufolge Bach und Händel ihre Werke gegenseitig mit wacher Aufmerksamkeit verfolgt haben, gab es nicht wenige hochgezogene Augenbrauen. Inzwischen ist es Timpelan offenbar gelungen, auch den renommierten Hallenser Händelforscher Walther Siegmund-Schultze von der Stichhaltigkeit seiner Argumente zu überzeugen. Der Generalsekretär der Hallenser Händel-Gesellschaft, der demnächst als Redner beim Stuttgarter Musikwissenschaftlichen Kongreß in Erscheinung treten wird, hat uns den nachstehenden Beitrag zur Verfügung gestellt, der sich als Diskussionsbeitrag zur heute beginnenden Stuttgarter Bach-Sommerakademie versteht. StZ


Bach und Händel | Bach and Handel | Walther Siegmund-Schultze | Stuttgarter Zeitung

   Bach und Händel treffen sich in diesem Jahr viel auf Musikfesten in aller Welt, obwohl sie sich im Leben nicht begegnet sein sollen. Gerade ihre Lebensdaten bieten trotz (vielleicht auch wegen) jahrhundertelang bemühter Forschung noch immer manche Probleme, oft ganz unvorhergesehener Art. Sie betreffen sogar elementare Daten ihrer Biographie: So ist zum Beispiel nicht klar, ob Händel 1740 zum eben gekrönten Preußenkönig Friedrich II. gereist ist, wie es die zeitgenössische Presse vermutet hat. Von Bach gibt es unsichere Daten über die Uraufführung der „Johannes-„ und „Matthäus-Passion“, über die Entstehungsdaten so zentraler Werke wie der h-Moll-Messe und der „Kunst der Fuge“. Jedenfalls muß vieles von dem, was früher absolut klar schien, heute in Frage gestellt werden.

Bach und Händel | Bach and Handel | Walther Siegmund-Schultze | Stuttgarter Zeitung

   Sicher schien bisher zu sein, daß sich beide Meister, trotz wiederholter Bemühungen der einen Seite, nie getroffen haben, nie geschrieben haben, überhaupt nie in Austausch getreten sind. Gleichwohl ist nicht recht glaubhaft, daß die beiden größten Komponisten ihrer Zeit in gar keinen Kontakt gestanden haben sollen. Von Händels engstem Jugendfreund, Georg Philipp Telemann, ist kein Brief an Händel überliefert, erst aus dem Jahre 1750 und 1754 existieren Briefe Händels an ihn. Sollten sie fünfzig Jahre geschwiegen haben? Man kann von hier aus sicherlich Rückschlüsse auf Bach ziehen, von dem eine Abschrift eines Teils der Händelschen „Brockes-Passion“ existiert, und zwar aus sehr später Zeit, als er seine eigenen Passionen schon längst geschrieben hatte. Der reife Bach des "Musikalischen Opfers" hatte also noch Interesse an einem frühen Händelwerk. Des weiteren wurde von der Musikwissenschaft schon seit langem darauf hingewiesen, daß Bach als eine Stimme seines „Canon triplex“ zum Eintritt in die Mizlersche „Korrespondierende Sozietät der musikalischen Wissenschaften“ einen von Händel (allerdings auch von anderen Komponisten jener Zeit) gern benutzten Chaconne-Baß verwendet und auch durch Zahlensymbolik seine Beziehung zu Händel angedeutet hat.

   Neue Perspektiven ergeben sich aus der Annahme des West-Berliner Komponisten Helmut Timpelan, der weit engere, sich über die ganze beiderseitige Schaffenszeit erstreckende Kontakte vermutet, bei denen Händel wohl meist der Gebende war, im Gegenzug von Bach aber auch kompositionstechnische und strukturelle Eigenheiten und Prinzipien übernahm. Die acht großen Suiten von Händel, die erstmalig 1720 in authentischer Form publiziert worden sind (sie waren schon lange vorher im Umlauf), haben anscheinend nicht nur für Bachs „Englische Suiten“ (wie schon längst angenommen) Anregungen gegeben, sondern sind überhaupt, was die F-Dur-, e-Moll- und f-Moll-Fuge der zweiten, vierten und achten Suite betrifft, die Thematik, in einzelnen Passagen, vor allem in ihrer immanenten (von Händel selbst nicht ausgeführten) kanonmäßigen Anlage für die Dichte der Bachschen Instrumentalkunst vorbildhaft gewesen. Nebenbei bemerkt beruht die hartnäckig von vielen Bach-Forschern vertretene Ansicht, Händel sei als Fugenkomponist Bach entschieden unterlegen, auf weitgehende Unkenntnis der Händelschen Instrumentalfugen, die lediglich zahlenmäßig gegenüber Bach zurückstehen.

   Den oft nur angedeuteten kontrapunktischen und harmonischen Reichtum der Händelschen Fugen- und Chaconne-Kunst hat Timpelan auch in der G-Dur-Chaconne (HWV 442) entdeckt, die ihm als Modell für Bachs (ebenfalls in G-Dur stehende, auf dem gleichen Chaconne-Baß basierende) „Goldberg-Variationen“ erscheint, wie an gleicher Stelle (StZ vom 21. März 1985) schon berichtet wurde. Ferner habe die e-Moll-Fuge der vierten Suite die unerhört verdichteten Strukturen des einleitenden e-Moll-Chors der „Matthäus-Passion“ ausgelöst. Auch wenn man berücksichtigen muß, daß es damals feste, zugleich variable Modelle gab, die sich über große Bereiche des kompositorischen Schaffen ersteckten, bleiben solche Entdeckungen erstaunlich, da es sich bei ihnen nicht um „Entlehnungen“ im Sinne der kompositorischen Gepflogenheiten jener Zeit handelt, sondern um ein schöpferisches, wechselseitiges Reagieren auf höchster Ebene. Das schlichte Notenbild Händelscher Kompositionen verbirgt den in ihnen enthaltenen kontrapunktischen Reichtum, den der Meister nicht bis zur letzten Konsequenz genutzt, sondern nur angedeutet hat. […]

   Die Vermutung, daß Bach und Händel sich in einigen Werken gegenseitig Modell gestanden und aufeinander reagiert haben, ist sicherlich überraschend und kann zunächst zumindest nur mit zurückhaltener Aufnahme rechnen. Bach kannte aber mit Sicherheit viele Händelsche Werke, schätzte sie und nutzte sie in seinem Sinne, indem er ihre harmonischen und kontrapunktischen Tiefenschichten auskomponierte. [...]

   Die Bach- und Händel-Forschung arbeiten seit Jahrhunderten getrennt und zum Teil gegeneinander – mit mildem, überlegenem Lächeln auf der einen, mit vorsichtiger Annäherung auf der anderen Seite, ganz im Gegensatz zu den mehr oder weniger bezeugten Beziehungen der Dioskuren. Betrachtungen, wie sie Timpelan anstellt (und wie sie sich bei ihm im Hinblick auf die komplizierte Immanenz von Kanon-Verläufen und ihrer Weiterspinnungsmöglichkeiten noch beträchtlich ausdehnen), könnten die Forschungen über die widerspruchsvolle Gemeinsamkeit ihres Lebens- und Schaffensweges intensivieren, die Erkenntnis ihres vorwärtsweisenden, so gar nicht „barocken“ Schöpfertums vertiefen. […]

  Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, obwohl der gleichen mitteldeutschen Landschaft entstammend, gingen völlig getrennte Wege. Bach, der aus starker musikalischer Familientradition kam, entwickelte sich durch Nachdenken über die Tonmaterie zu höchstem Schöpfertum. Händel gelangte durch vielfältige Anregungen in verschiedenen Ländern und Nationen schnell zu eigener Gestaltenwelt. Man hat sich wohl wirklich nicht getroffen; aber Bachs mehrmalige Versuche müssen ja von brieflichen Botschaften, beziehungsweise Absagen begleitet gewesen sein. Und so könnten auch andere Mitteilungen verloren gegangen sein.

    Helmut Timpelan, der als zeitgenössischer Komponist die starke Anregungskraft der Musik beider Meister in der Plastik und Logik ihrer Gestaltungswelt sieht, legt auf solche äußeren Begegnungen keinen Wert. Es geht ihm um werkimmanente Beziehungen und gegenseitige Anregungen, auch wenn diese biographisch und werkphilologisch nur schwer verifiziert werden können. Seine bisherigen Entdeckungen oder zumindest Vermutungen, die ihn bereits zu eigenen schöpferischen Weiterführungen angeregt haben, sollten von der Bach- und Händel-Philologie zur Kenntnis genommen und auf ihre Weise verarbeitet werden.