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Händels englische Oratorien

Händel Messiah | Messias
Händel: Messiah | Messias, Autograph

Vain, fluctuating state of human empire!

First, small and weak, it scarcely rears its head,

Scarce stetching out its helpless infant arms,

Implores protection of its neighbour states,

Who nurse it to their hurt. Anon, it strives

For pow'r and wealth, and spurns at opposition.

Arriv'd to full maturity, it grasps

At all within its reach, o'erleaps all bounds,

Robs, revages and wastes the frighted world.

At length, grown old and swell'd to bulk enormous,

The monster in its proper bowels feeds

Pride, luxury, corruption, perfidy,

Contention, fell diseases of a state,

That prey upon her vitals. Of her weakness

Some other rising pow'r advantags takes,

(Unequal match!) plies with repeated strokes

Her infirn, aged trunk: she nods - she totters -

She falls - alas! never to rise again.

The victor state, upon her ruin rais'd,

Runs the same shadowy round of fancied greatness,

Meets the same certain end.

("Belshazzar", Akt I, Scene 1)

Text; Charles Jennens (1700-1773)

https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Jennens

 

Ach, unstät eitles Los der Menschen-Herrschaft!

Erst klein und schwach, erhebt sie kaum das Haupt,

Streckt kaum noch aus hilflos die Kindeshand

Und ruft um Schutz an jedes Nachbarreich,

Das töricht ihn gewährt. Alsbald erstrebt

Sie Kraft und Macht und trotzet jeder Hemmnis.

Bei voller Reife angelangt, erfasst

Sie alles um sich her, verhöhnt das Recht,

Raubt, verwüstet, verheert die bange Welt.

Zuletzt, voll angschwellt zu Riesengröße,

Ernährt das Ungetüm im eigenen Schoße

Stolz, Üppigkeit, Verderbnis, Eidesbruch

Und Zwietracht, faule Seuchen eines Staats,

Die ihm das Mark zerstören. Seine Schwäche

Nimmt eine neue Macht voll Gierde wahr,

(Ungleicher Kampf!) und schlägt mit junger Kraft

Sein alt gebeugtes Haupt: er wankt, er sinket,

Er fällt, ach weh! nie wieder zu erstehn.

Das Siegerreich, auf seinem Fall gebaut,

Durchläuft den gleichen Kreis erträumter Größe,

Endend am gleichen Ziel.

("Belsazar", Akt I, 1. Szene)

Deutsche Übersetzung; Georg Gottfried Gervinus (1805-1871)

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Gottfried_Gervinus

 

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Händels erste englische Oratorien, das Pastoral "Acis and Galatea" und die Masque "Hamon and Mordecai" (1732 zum Oratorium "Esther" umgearbeitet) entstanden zwischen 1717 und 1720 im Kreise des Herzogs von Chandos (Cannons), dem unter anderen auch die namhaften Schriftsteller / Dichter Alexander Pope und John Gay angehörten; es war dies ein progressiver Literatenkreis, der versuchte, mit speziell national-englischen Stoffen dem von privilegierten Schichten protegierten Betrieb der neapolitanischen 'Opera Seria' und dem Kastraten- und Primadonnenkult entgegenzutreten.

 

Händel selbst war in London zu dieser Zeit der führende Komponist italienischer Opern. Er komponierte bis 1741 zweiundvierzig solcher Werke. Ausgerechnet sein jüngerer Freund und Liberettist von "Acis and Galatea" John Gay versetzte 1728 mit seiner "Beggar's Opera" der 'barocken' und damit auch der Händelschen Oper den Todesstoß. Freunde bitten ihn, endlich wertvolle englische Literatur zu 'veropern', Händel entwickelt jedoch eine neue Kunstform: Das englische Oratorium.

 

In England war das Oratorium bis dahin unbekannt und auf dem Kontinent orientierte es sich am starren Schema der "Opera Seria" mit ihrer abgenutzten Folge von rezitativischer Handlung und langen affektschildernden Da-capo Arien; Ensembles und Chöre kommen kaum vor. Aus Elementen der englischen Plays, Masques und Anthems, des klassischen französischen Dramas, der deutschen Kirchenkantate sowie der charakteristischen Musikform der italienischen Oper (Rezitativ und Arie, Ouverture, Einteilung in drei Akte) schafft Händel durch die großformatige Gestaltung eine neue Form des musikalischen Dramas, die von der Bühne losgelöst ist. Das Theater stellt zwar weiter den äußeren Rahmen, doch szenisches Spiel, Kostüme, Masken usw. entfallen. Das ermöglicht plötzlichen Szenen- und Affektwechsel. Der Handlungsablauf wird nun ausschließlich in die Fantasie des Zuhörers verlagert, dementsprechend wird der ideelle und sinnliche Gehalt eines Werkes intensiviert. Der Chor ist jetzt nicht nur integriert, sondern wird zum wesentlichen Glied und Träger der Handlung. Librettist und Komponist teilen dem Chor zwei Rollen zu: die Rolle des unmittelbar an der Handlung Beteiligten und, nach antikem Vorbild, die Rolle des Betrachtenden und Kommentierenden. Das Oratorium hat dadurch, ohne das Dramatische zu verlieren, episch-lyrischen Charakter: Schicksal und Taten der handelnden Personen wickeln sich vor dem Hintergrund des Volkslebens ab. Ganze Völker werden personifiziert. In "Belsazar" werden gar drei Völker einander gegenübergestellt. Inbesondere aber mit der Auswahl seiner Oratorientexte wird Händel zu einem Verteter des progressiven Bürgertums. So unterstützt Händel zum Beispiel anläßlich des Einmarsches des reaktionären Heeres, mit dem die katholischen Stuarts 1746 feudale Lebensformen und alte Privilegien wiederherzustellen versuchen, den Kampf des englischen Volkes mit seinem "Occasional Oratorio", - besonders aber mit "Judas Maccabäus", in dem das Volk sogar unverblümt aufgefordert wird, zu den Waffen zu greifen und seine Freiheit zu verteidigen.

 

Händel bildet aus ca. vierundzwanzig Sängern und (dies auch damals eine entscheidende Neuerung!) Sängerinnen seinen Oratorienchor und stellt durch diesen gemischten Chor den vollen Klang der Register endlich wieder her. Auch bei den Solisten gibt es jetzt die heute übliche Registerverteilung. Der Heldenkastrat wird verbannt, dafür übernimmt der in der Oper bisher vorwiegend als Schurke agierende Tenor die Rolle des Helden.* Händel führt seine Oratorien in eigener Regie auf und öffnet einem neuen Publikum, dem bürgerlichen, die Pforten. [...].

 (Aus H. Timpelans Vorwort "Acis und Galatea an der Themse". Verfasst 1974 für das Programmheft anläßlich einer Aufführung von Händels "Acis und Galatea" mit dem Collegium Musicum der Berliner Universitäten / Freie- und Technische Universität).

   NB! Obiger Text, Händels englische Oratorien, ist teilweise identisch mit Wikipedia: Georg Friedrich Händel, Abschnitt Oratorien. Diesen Abschnitt verfasste Timpelan 2007 mit Quellenangabe: H. Timpelan "Acis und Galatea an der Themse", FU/TU Berlin, 1975. Siehe Wikipedia Versionsgeschichte: 15:02, 8. Dezember 2007 und Erweiterung 2007 mit zusätzlicher Quellenangabe: Walter Serauky: Die englische Gesellschaft zur Zeit Händels und sein Oratorium als Kunstform neuen Typs", in "Wege zu Händel", Halle 1953. Siehe Wikipedia Versionsgeschichte: 16:24, 9. Dezember 2007.

    * Die Altpartien männlicher Rollen in seinen Oratorien lässt Händel meist von Sängerinnen interpretieren. So komponierte er für die Sängerin und Schauspielerin Susannah Maria Cibber u.a. die Rollen des Lichias in "Hercules", des David in "Saul", des Michah in "Samson" und des Daniel in "Belsazar". Wie bereits im Archiv 4a erwähnt, sang sie die Altsoli im "Messias" bei der Uraufführung 1742 in Dublin.

Susannah Maria Cibber
S. M. Cibber
Händel Jephta
Händel: Jephta, Autograph. Händels "S D G" bedeutet: "Soli Deo Gloria" (Dem alleinigen Gott die Ehre)