Archiv 9

Mit Georg Friedrich Händel in den Konzemtrationslagern Auschwitz und Ravensbrück

"Händels Oratorien, Quelle edelster Kraft"

In Erinnerung an die Händelforscherin

Marianne Gundermann

(Pseudonym Johanna Rudolph)

Marianne Gundermann / Johanna Rudolph
Marianne Gundermann / Johanna Rudolph

   Geboren 1902 in Crimmitschau, gestorben 1974 in Berlin. Jüdischer Herkunft. Vater Michael Gundermann, Mützenmacher; Mutter Clara geb. Schlewinsky. Aufgewachsen in Berlin. Außergewöhnliche, unkonventionelle Händelforscherin; sowie Publizistin und Frauenrechtlerin.

    Ab 1917/18 Mitarbeit als Stenotypistin bei der von Siegfried Jacobsohn gegründeten und später von Carl von Ossietzky herausgegebenen Wochenzeitschrift "Die Weltbühne". In den 20er Jahren tätig als Essayistin, Literatur- und Musikkritikerin. Von 1931 bis 1933 Chefredakteurin der von Willi Münzenberg verlegten auflagestarken feministischen Illustrierten Zeitschrift "Der Weg der Frau". 1933 Flucht aus Deutschland. 1943 in Amsterdam von der GESTAPO als Schriftleiterin einer antifaschistischen Emigrantenorganisation verhaftet. Mißglückter Suizidversuch. Von der GESTAPO gefoltert. Am 19.06.1944 aus dem Gestapo-Gefängnis Düsseldorf in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Bald darauf Deportation in das Frauen-Konzentationslager Ravensbrück. 1945, kurz vor Kriegsgsende, mit den Weißen Bussen vom Schwedischen Rote Kreuz nach Schweden in Sicherheit gebracht.

    Nach einem Jahr Aufenthalt in Schweden, kehrte M. Gundermann 1946 nach Deutschland in die Sowjetische Bezatzungszone zuzück. In der 1949 gegründeten DDR wurde sie Mitarbeiterin des Staatlichen Rundfunkkomites sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Ministeriums für Kultur. Von diesen Positionen aus engagierte sie sich erfolgreich in der israelfeindlichen DDR für die Popularisierung von Händels biblischen Oratorien. Diese waren für sie - im Angesicht der Gaskammern und Verbrenunngsöfen in Auschwitz und Ravensbrück - eine "Quelle edelster Kraft". Wie etwa die Oratorien: Joseph und seine Brüder (Joseph and his Brethren), Israel in Ägypten (Israel in Egypt), Saul, Salomo (Solomon), Belsazar (Belshazzar), Judas Maccabäus oder Jephta. Als Interpret von Händels Oratorien standen ihr der Dirigent Helmut Koch mit seinem Berliner Rundfunkchor und dem Sinfonieorchester des Berliner Rundfunks zur Verfügung. Gesungen wurden die Oratorien in Deutsch, in der Übersetzung von Georg Gottfried Gervinus (1805-1871).

   Ab 1952 war sie Mitorganisatorin der Händel-Festspiele in Halle an der Saale. Unter dem Pseudonym "Johanna Rudolph" verfasste sie - im Andenken an ihren 1923 geborenen und 19 ? verstorbenen Sohn* -  die fundamentale zweibändige Studie Händelrenaissance - Händels Rolle als Aufklärer. Hierin stellt sie Händel nicht nur in den  Kontext seiner Zeit, nämlich dem Zeitalter der Aufklärung, sondern sie beweist, dass Händel durch sein Oratorienschaffen von England aus ein Teil der europäischen Aufklärung wurde. In ihrer zweibändigen Händelstudie "paaren sich Weite des Gesichtspunktes mit genauer Kenntnis des Details." **

© Aufbau-Verlag 1960 (I) und 1969 (II).

 * "Dem Andenken meines Sohnes"  ** Aus dem Klappentext des Verlages

 In den Fängen der GESTAPO

Marianne Gundermann / Johanna Rudolph

Marianne Gundermann (Ps. Johanna Rudolph). Photo: GESTAPO Düsseldorf 1944.

© Landesarchiv NRW-Abteilung Rheinland-RW 58 Nr. 3991, Bl. 51

Marianne Gundermann / Johanna Rudolph

Aktennotiz des Staatsgefängnisses Düsseldorf  vom 19. Juni 1944:

"Die Gundermann Marianne ist am 19. 6. 1944 nach Auschwitz verlegt  worden."

© Landesarchiv NRW-Abteilung Rheinland-RW 58 Nr. 3991, Bl. 51 

Marianne Gundermann über Händel

   "Man darf bermerken, dass Spätzeiten nichts mit ihm anzufangen wissen. Wohlweislich lässt Thomas Mann den Namen Händel im 'Doktor Faustus' unerwähnt. Händel war zu gesund für den Tonsetzer der bürgerlichen Endzeit  Adrian Leverkühn. Da ist nichts Dunkles und Mystisches, trotz riesiger Dimensionen nichts Wolkiges oder Verfließendes und andererseits auch nichts provinziell Verkrampftes."

   Marianne Gundermann gegen die Etiketierung Händels als "Barock-Komponist" *

   "Jede Etiketierung Händels als eines Musikers 'des Absolutismus', eines 'Barockmusikers' ["Barock-Komponisten"] ... ist unsinnig und verdient so entschieden wie möglich bekämpft zu werden. [...]  Ausdrücke wie 'Barock', 'alte Musik' in bezug auf Bach und Händel grassieren, vielleicht auch, weil man meint, dem Publikum diese Musik durch 'farbig' oder 'exotisch' wirkende Beiwörter schmackhaft machen zu müssen. Natürlich wird auf solche Weise nur größere Fremdheit dieser Musik gegenüber erzeugt."

 * * *

Zwischenbemerkung von hmt

   Händel, aber auch Bach und Telemann etikettiert die Musikgeschichtsschreibung mit dem  abwertenden Begriff "Barock", der laut der einschlägigen etymologischen Wörterbücher seit etwa 1700 für "schwülstig, verschnörkelt, verspinnert, bizarr" steht. Es waren - wie man liest - deutsche Kunsthistoriker, die  Ende des 19. Jahrhunderts den negativen Begriff "Barock" in einem positiven umfunktionierten. Sie waren es dann auch, die dem Zeitraum von etwa 1575  bis 1770 das Etikett "Barock-Epoche" anhefteten. Willkürlich gesplittet in "Früh-, Hoch- und Spätbarock".
   Der Komponist Johann Adolf Hasse (1699-1783) liefert im "Tagebuch einer musikalischen Reise" von Charles Burney (1726-1814)  den Beleg, dass im 18. Jahrhundert der Begriff "Barock" / "baroque" abwertend bzw. negativ angewandt wurde. Dazu heißt es bei Burney:
   "Er [Hasse] war der Meinung, dass [Francesco] Durante [1684-1755] den Platz als Kontrapunktist nicht verdiente, den ihm Mr. [Jean Jacques] Rousseau in seinem Dictionnaire eingeräumt hätte, sondern sagte, es wäre der alte [Alessandro] Scarlatti [1660-1725], den er le plus grand Harmoniste d'Italie, c'est à dire du monde hätte nennen sollen, und nicht Durante, welcher nicht allein trocken, sondern auch baroque gewesen."
("Carl Burney's der Musik Doctors Tagebuch seiner musikalischen Reisen."  2. u. 3. Band, deutsch von Johann Joachim Chrstoph Bode, Hamburg 1773)
* * *

Marianne Gundermanns Schriften zur Musik

Marianne Gundermann / Johanna Rudolph

Position in der DDR nicht gesichert

In der DDR war die Position von Marianne Gundermann keinesfalls gesichert. Denn als beispielsweise 1951 der Abteilungsleiter im Ministerium für Staatsicherheit  Paul Laufer* ihre Akte überprüfte, stellte er missbilligend fest, dass sie Jüdin sei**. Im Januar 1953 veröffentlichte das Neue Deutschland - Zentralorgan der SED, wo M. Gundermann (obwohl kein Parteimitglied) unter ihrem Pseudonym Johanna Rudolph Kulturredakteurin war, scharfe Angriffe gegen vermeintlich „demoralisierte bürgerliche jüdische Nationalisten“. Wegen ihrer jüdischen Herkunft musste sie befürchten, damit könne auch sie mit gemeint sein. Noch im selben Jahr wurde sie und ihr Chefredakteur Rudolf Herrnstadt, ebenfalls jüdischer Herkunft, entlassen. Herrnstadt hatte über das Neue Deutschland die diktatorischen Methoden kritisiert, mit denen die Regierung die Normenerhöung im VEB Wohnungsbau*** durchsetzte. Auch wollte er den Machthaber Walter Ukbricht stürzen.

 *Laufer war der Führungsoffizier von Günter Guillaume, jenem Spion im Kanzleramt von Willy Brandt.

** Quelle: Michael F. Scholz, "Skandinavische Erfahrungen erwünscht?", S. 153. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2000.

*** VEB = Volkseigener Betrieb.

Marianne Gundermann als "Johanna Rudolph" über Händels Oratorium Belsazar:

"Belsazar - das ist die zum Unmenschen herabgesunkene Figur einer vermoderten Ordnung, die sich pathetisch auf alten Brauch und Sitte wie auf Freiheit beruft. Den eigenen Staat, die Stadt, das Volk bedenkenlos dem Untergange preisgebend, häuft dieser Typus Frevel auf Frevel:

                                                        Let order vanish; liberty alone,

                                                        Unbounded liberty the night shall crown.

                                                        Laßt Ordnung schwinden: Freiheit heut' uns lacht,

                                                        Ohn' Schranken Freiheit kröne diese Nacht.

   Von der Schar jüdischer Sklaven, die anklagende Zeugen des wüsten Gelages mit den geraubten Tempelgefäßen werden, erkühnt Belsazar sich zu sagen:

'They envy liberty they cannot taste', sie, die Judenschar 'mißgönnt die Freiheit uns, die sie entbehrt'. [...].  Einer Nachwelt, welche die unauslöschlichen Schandtaten von Auschwitz, Maidanek und Buchenwald als Gipfel des Abscheus erkennen lernte, bietet sich hier das Schauspiel, wie sich ein Machthaber an der Qual und Erniedrigung der Gefangenen weidet. [...].

Wie im 'Messias' das geschichtlich determinierte 'Halleluja' am Ende des Zweiten Teils, so ist im 'Belsazar' der Perserchor ['Oh glorious prince! - O tapfrer Fürst'] mit seiner gewaltigen Doppelfuge

am Schluß des zweiten Akts Höhepunkt des gesamten Werkes. Cyrus hatte die tapfre Schar seiner Krieger aufgefordert, das Schwert nicht mit wüstem Mord zu beflecken, da es nur gelte, den Urheber des Frevels, Belsazar, zu vernichten."  [Cyrus: "To tyrants only I'm a foe." - "Tyrannen nur bin ich ein Feind."].

(M. Gundermann | J.  Rudolph; Händelrenaissance II, Händels Rolle als Aufklärer. Aufbau-Verlag 1969, S. 301 u. 304)

   And war and slav'ry be no more  |  Und Krieg und Sklav'rei wär' verbannt

                                                                       O glorious prince, thrice happy they
                                                       Born to enjoy thy future sway!
                                                      To all like thee were sceptres giv'n,
                                                      Kings were like gods, and earth like Heav'n.
                                                      Subjection free, unforc'd, would prove
                                                      Obedience is the child of love;
                                                      The jars of nation soon would cease,
                                                      Sweet liberty, beatific peace
                                                      Would stretch their reign from shore to shore,
                                                       And war and slav'ry be no more.

                                                                       

                                                       O tapfrer Fürst! dreifach beglückt,

                                                       Wer einst dein künftig Reich erblickt!

                                                       Wär' jeder Thron dem deinen Gleich

                                                       Dann wär' die Erd ein Himmelreich,

                                                       Ein frei Geschlecht, ohn Zwang und Not

                                                       Befolgt aus Liebe dein Gebot:

                                                       Der Streit der Völker hätt' ein End.

                                                       Freiheit und Fried' und sel'ge Zeit

                                                       Trügen ihr Reich von Strand zu Strand,

                                                        Und Krieg und Sklav'rei wär' verbannt.

(Händel; Belsazar, Schlußchor 2. Akt. Deutsche Übersetzung: G. G. Gervinus u. M. Gundermann)

https://www.youtube.com/watch?v=SyKkG0cX8ME

Chor: O tapfrer Fürst.

Marianne Gundermann / Johanna Rudolph

Marianne Gundermann als "Johanna Rudolph" über Händels "Israel in Ägypten"

  "Als planmäßig  durchdacht, von Händels exemplarischem Gegenwarts- und Geschichts-bewußtsein geleitet, erweisen sich die lapidaren Anfänge solcher Oratorien wie "Israel in Ägypten", worin soziale und nationale Befreiungsideen ineinandergreifen. [...] Eine außerordentliche Kraft geht von den Chören dieses Werkes aus, von den Chormassen und Massenchören, in denen sich das Volk selbst verkörpert. Der Zorn des für seine Freiheit von Fronarbeit und Unterdrückumg entflammten Volkes erklärt die Vehemenz dieser Chöre." ("Händelrenaissance" II, S. 264-265)

Händel: Israel in Ägypten
Händel: "Israel in Egypt" / "Israel in Ägypten", 1. Teil "Exodus", Chorus Nr. 1

    NB! Um den Exodus von Fabrikarbeitern zu verhindern, verbietet ihnen England 1732 die Auswanderung nach Amerika. (Quelle; Händelrenaissance II, S. 256)

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Ernst Hermann Meyer

    Für das musikalische Erbe Händels engagierte sich in der DDR, neben M. Gundermann, besonders auch der Komponist, Musikwissenschaftler und -soziologe Ernst Hermann Meyer (1905-1988). Seine jüdischen Eltern wurden in der Progromnacht 1938 (Vater) und 1942 in Auschwitz (Mutter) ermordet. Meyer selbst konnte sich nach Großbritannien in Sicherheit bringen. 1948 kehrte er mit seiner britischen Ehefrau nach Deutschland in die Sowjetische Besatzungszone zurück. 1952 wurde er Mitbegründer der Händel-Festspiele in Halle und Vorsitzender der Händelgesellschaft. Von 1967 bis zu seinem Tod 1988 war er Präsident der Internationalen Georg-Friedrich-Händelgesellschaft, Halle.* Darüber hinaus war Meyer von 1968-1982 Präsident des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler in der DDR.** Anschließend bis zu seinem Tod Ehrenpräsident.

   Meyer stand M. Gundermann (J. Rudolph) beim Verfassen ihrer HÄNDELRENAISSANCE Band II -

Händels Rolle als Aufklärer, mit Rat und Tat zur Seite. Im Vorwort vermerkt sie dazu: "In ganz besonderem Maße gilt mein Dank für wertvolle Ratschläge und ständige Unterstützung beim Zustandekommen dieser Arbeit Herrn Professor Dr. Ernst Hermann Meyer. Präsident der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft, em. Professor für Musikgeschichte der Humbold-Universität zu Berlin."

   1972 ließ Ernst H. Meyer auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde eine Gedenkstätte für seine acht in den Konzentrationslagern Auschwitz, Jungfernhof/Riga, Majdanek und Theresienstadt ermordeten Familienmitglieder errichten. Sein in der Reichsprogromnacht ermordete Vater wurde bereits 1938 dort bestattet.

 

    * Meyers Nachfolger wurde Professor Dr. sc. Walther Siegmundt-Schultze.

   ** Vizepräsident dieses Verbandes war von 1968-1989 der Mitbegründer Professor Dr. sc. Walther Siegmund-Schultze.

https://www.helmut-timpelan.de/kulturausgrabung-die-telemann-bach-h%C3%A4ndel-cooperation-berichte/stuttgarter-zeitung-2/